Fake Work: Warum viele Jobs keine Probleme mehr lösen
24.10.2026
In deutschen Bürojobs wird man im Schnitt alle vier Minuten unterbrochen. Gleichzeitig braucht man fast doppelt so viel Zeit, um wieder in konzentrierte Arbeit zu finden.
Das Ergebnis: Arbeit, die keine Probleme löst, sondern nur Sichtbarkeit erzeugt. Arbeitsforscher Hans Rusinek nennt das Fake Work. Studien zeigen: Menschen in Bürojobs verbringen bis zu 10 Stunden pro Woche mit performativer Arbeit – Meetings, E-Mails, Statusupdates. Es geht darum, die sichtbarste Mitarbeiterin zu sein, nicht die beste.
Entfremdung steigt, Engagement sinkt
Die Folge: rekordtiefes Engagement, steigende innere Kündigung. Laut NZZ am Sonntag arbeiten viele nur noch, um zu zeigen, dass sie arbeiten. Die Krise ist keine Krise der Arbeit, sondern eine Krise der Organisation. Firmen laufen auf einem Egotrip, nicht auf Projekterfolgen.

Ich sehe das in meiner Beratungspraxis immer wieder: klare Prozesse, viele Meetings, wenig Wertschöpfung. An meiner Hochschule beschäftigen wir uns permanent mit der Standardisierung von Workflows für Formulare. Im Silicon Valley stellt man sich die Frage anders: Brauche ich das überhaupt? Meistens lautet die Antwort: Nein, weil es nichts zur Wertschöpfung beiträgt.
Freelancer zeigen einen anderen Weg
Freelancer zeigen einen anderen Weg. Laut freelancermap sind 70 Prozent mit ihrer Rolle zufrieden, weil sie nach Ergebnissen bezahlt werden, nicht nach Präsenz. Jede E-Mail ist wichtig, jedes Meeting eines, wo sie gebraucht werden. Sie sind, so Rusinek im Interview, entfremdungsimmun.
Der erste Job prägt uns mehr als das erste Kind, sagt Rusinek. Der Chef hat mehr Einfluss auf unsere Psyche als ein Therapeut. Deshalb ist Hoffnung keine Emotion, sondern eine Fähigkeit. Sie entsteht durch das Brechen lähmender Muster – etwa durch höfliches Aussteigen aus überflüssigen Meetings.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Die Organisation entscheidet, ob Menschen arbeiten oder nur so tun. Drei Ansatzpunkte:
Erster Schritt: Fragen Sie Ihr Team, welche Meetings sie in der vergangenen Woche wirklich gebraucht haben. Nicht, welche produktiv waren – welche sie gebraucht haben. Die Antwort zeigt, wo Fake Work entsteht.
Zweiter Schritt: Führen Sie Ergebnisverantwortung ein, nicht Anwesenheitspflicht. Wer nach Output bezahlt wird, denkt anders über seine Zeit.
Dritter Schritt: Streichen Sie eine Regel, die keine Probleme löst, sondern nur Kontrolle simuliert. Jede Organisation hat mindestens drei davon.
Wie ich in Die Entfesselung der Kraft der digitalen Transformation: Fokus Führung beschrieben habe: Viele Firmen denken nur an die KPIs und verlieren die Verantwortung zu Mitarbeitern aus dem Blick. Das ist kein Führungsproblem, das ist eine Kompetenzkrise.
Quellen
- NZZ am Sonntag, Interview mit Hans Rusinek, September 2026,
https://www.nzz.ch/nzz-am-sonntag/report-und-debatte/das-buero-ist-der-letzte-ort-wo-wir-menschen-treffen-auf-die-wir-keine-lust-haben-ld.10024952 - freelancermap DACH, Interview mit Dr. Hans Rusinek, März 2026,
https://www.youtube.com/watch?v=8sBBG70Bq1M
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