113 Minuten täglich – und am Ende bleiben 22 übrig
19.09.2026
Zwei Stunden am Tag. So viel Zeit gewinnen Beschäftigte in Deutschland nach eigener Einschätzung durch KI zurück. 113 Minuten, um genau zu sein.
Das zeigt eine Studie der Adecco Group aus 2025. Klingt beeindruckend. Ist es aber nicht.
41 Prozent nutzen KI – nur 21 Prozent haben eine Strategie
Die Bitkom-Zahlen aus 2026 belegen den Durchbruch: 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen inzwischen KI ein. Doppelt so viele wie noch 2024. Weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Nur 11 Prozent lehnen KI komplett ab.

Am häufigsten kommt KI in der Textverarbeitung und Übersetzung zum Einsatz: 71 Prozent der Unternehmen nutzen sie dafür. An zweiter Stelle steht Marketing und Kommunikation mit 53 Prozent, gefolgt vom Kundenservice mit 42 Prozent. Die beliebtesten Werkzeuge sind Microsoft Copilot mit 47 Prozent und ChatGPT mit 42 Prozent.
Doch hier beginnt das Problem: 41 Prozent der Unternehmen setzen KI ein, aber nur 21 Prozent haben eine formale Strategie dafür entwickelt. Das führt zu unkontrollierter Nutzung, verschwendeten Ressourcen und Sicherheitslücken. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten verschweigt ihrem Arbeitgeber sogar, dass sie KI-Tools im Job nutzt.
Die Zeitersparnis schrumpft auf 22 Minuten pro Woche
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten investiert laut einer Workday-Studie aus 2026 wöchentlich ein bis zwei Stunden allein in die Kontrolle und Korrektur von KI-Output. Die Netto-Ersparnis schrumpft damit auf durchschnittlich 22 Minuten pro Woche – so die Notion-YouGov-Studie 2026 mit über 2.000 Büroangestellten in Deutschland.

113 Minuten versprochen, 22 Minuten geblieben. Der Rest geht drauf für Nachbesserungen, Kontrolle und das Ausbügeln von Fehlern, die die KI produziert hat.
Das deckt sich mit dem, was ich in Kompetenzabbau: Das Dilemma der kostenlosen KI-Tools in Unternehmen beschrieben habe: Kostenlose Tools fördern kognitive Abhängigkeit und untergraben kritisches Denken.
Lizenz gekauft, Regal gefüllt, Wirkung null
Die größte Hürde bleibt die fehlende Kompetenz: 53 Prozent der Unternehmen nennen mangelndes KI-Wissen im Team als zentrales Hindernis. 41 Prozent kämpfen mit Datenschutz-Unsicherheit, 37 Prozent mit unklaren Kosten. Und 33 Prozent berichten, dass KI deutlich teurer geworden ist als ursprünglich kalkuliert.

Der Marketing Tech Monitor 2026 vom Hamburger Marketing Tech Lab zeigt das Dilemma deutlich: Große Marketing- und Vertriebsorganisationen nutzen im Schnitt nur 33 Prozent der Kapazitäten ihrer vorhandenen MarTech-Anwendungen. Bei CRM-Systemen schöpfen nur 8 Prozent der Unternehmen die Möglichkeiten vollständig aus, bei Marketing-Automation-Lösungen sind es 4 Prozent.
Ich habe das in 5 Gründe, warum KI im Marketing verbranntes Geld ist genauer ausgeführt: Tools stehen rum, statt zu arbeiten.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Die wahrgenommene Zeitersparnis liegt laut METR-Forschungsinstitut bis zu dreimal höher als die tatsächliche. KI verkürzt vor allem Mikroaufgaben, die ohnehin nicht der Engpass waren.
Ohne systematische Schulung, ohne Governance-Strukturen und ohne strategische Einbettung verpufft der Effizienzgewinn in Kontrollaufwand und Nachbesserungen. Das Problem ist nicht die Technologie. Es ist die fehlende Kompetenz, sie sinnvoll einzusetzen.
Nehmen Sie sich eine Woche Zeit und dokumentieren Sie, wo in Ihrem Unternehmen KI bereits im Einsatz ist – offiziell oder inoffiziell. Fragen Sie Ihr Team, welche Tools sie nutzen und wofür. Dann wissen Sie, wo Sie stehen, bevor Sie die nächste Lizenz kaufen.
Quellen
- Bitkom, Künstliche Intelligenz in Deutschland, 2026,
https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Digitalisierung-der-Wirtschaft-Unternehmen-beschaeftigen-sich-mit-KI - Adecco Group, Global Workforce of the Future, 2025
- Statistisches Bundesamt, KI-Nutzung in Unternehmen, 2024,
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/11/PD24_444_52911.html
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