Werde ich dümmer? Was seit 2012 messbar ist
09.09.2026
Über ein Jahrhundert lang wurden Menschen intelligenter. Der Flynn-Effekt beschrieb einen Anstieg von rund 3 Punkten pro Jahrzehnt. Dann kam die Wende.
Seit Mitte der 1990er Jahre sinkt der IQ in mehreren Industrieländern wieder. In Norwegen analysierten Bratsberg und Rogeberg 2018 über 730.000 IQ-Tests junger Männer. Ihr Befund: Nach 1975 sanken die Werte um etwa 7 Punkte pro Generation. Die Forscher verglichen Brüder aus denselben Familien und schlossen damit genetische Ursachen aus. Es sind Umweltfaktoren.
In Deutschland sinkt fluide Intelligenz um 5 Punkte pro Jahrzehnt
In Deutschland ging die fluide Intelligenz von 2012 bis 2022 um 4,7 bis 5,2 Punkte pro Jahrzehnt zurück. Fluide Intelligenz meint die Fähigkeit zu abstraktem Denken und Problemlösen, unabhängig von Wissen.

Eine Analyse von itb-academic-tests.org zeigt: Bei 21.722 Masterbewerbern im GTEBS-Test sind die Testergebnisse seit 2019 um 0,3 Standardabweichungen gesunken. Die Noten dagegen nicht.
Aufmerksamkeitsspanne schrumpft auf 47 Sekunden
Parallel dazu schrumpft unsere Aufmerksamkeit. Von 2000 bis 2015 sank die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne laut Speakwise von 12 auf 8,2 Sekunden. Bei der Arbeit am Bildschirm sind es heute nur noch 47 Sekunden. 2004 waren es noch 2,5 Minuten.
Jeder Wechsel zwischen Aufgaben kostet bis zu 40 Prozent der Produktivität. Das zeigen Untersuchungen von Gloria Mark via Quarks.
Ich habe das Kompetenz-Radar entwickelt, um digitale Kompetenz messbar zu machen. Doch die Daten zeigen: Wir müssen nicht nur neue Fähigkeiten aufbauen, sondern auch bestehende schützen. Reizüberflutung, permanente Verfügbarkeit und oberflächliches Multitasking fordern ihren Preis.
Kognitive Fähigkeiten bleiben stabil, wenn sie genutzt werden
Das DIW Berlin fand 2025 heraus: Kognitive Fähigkeiten bleiben bis weit ins mittlere Erwachsenenalter stabil, wenn sie regelmäßig genutzt werden. Lesen und Rechnen nehmen erst ab Mitte 40 ab, vorausgesetzt, sie werden aktiv trainiert. Der Rückgang ist also nicht unvermeidbar.
Was dagegen spricht: Die Studien messen unterschiedlich, die Testbedingungen ändern sich, und kulturelle Faktoren spielen hinein. Manche Forscher sehen keine echte Verdummung, sondern eine Verschiebung der Fähigkeiten. Wir nutzen unser Gehirn anders, nicht schlechter. Das Google-Gedächtnis lagert Wissen aus, schafft aber auch Kapazität für Neues.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Die Frage ist nicht, ob wir dümmer werden. Die Frage ist: Welche Fähigkeiten verlieren wir, während wir andere gewinnen?
In Warum Deutschland seine Innovationskultur verliert – und wie die junge Generation sie zurückbringen kann habe ich beschrieben, dass wir über die falschen Themen diskutieren. Wir streiten, ob junge Menschen diszipliniert genug sind. Die eigentliche Frage lautet: Wie nutzen wir ihre Stärken?
Für Unternehmen bedeutet das konkret: Strukturen schaffen, in denen konzentriertes Arbeiten möglich ist. Multitasking ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Produktivitätskiller. In KI Zukunft der Arbeit: Was Manager im Mittelstand jetzt wissen müssen zeige ich, dass 86 Prozent der deutschen Unternehmen die strategische Bedeutung von KI anerkennen, aber nur 23 bis 40 Prozent konkrete Projekte umgesetzt haben.
Das Problem liegt tiefer. Es liegt bei der Frage, welche Kompetenzen wir überhaupt noch trainieren. Und welche wir verlernen, während wir zwischen acht verschiedenen Tools hin und her springen.
Trotzdem bleibt die Frage: Ist das, was wir gewinnen, mehr wert als das, was wir verlieren?
Quellen
- Bratsberg & Rogeberg, Flynn effect and its reversal are both environmentally caused, PNAS, 2018,
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1718793115 - Neue Bürger Zeitung, Wie intelligent ist Deutschland, 2025,
https://neuebuergerzeitung.de/wie-intelligent-ist-deutschland - NZZ, Wir sind die Dummen: Warum der IQ in Europa wieder sinkt, 2024,
https://www.nzz.ch/wissenschaft/iq-warum-er-in-europa-wieder-sinkt-ld.1794430 - Gloria Mark via Quarks, Cost of Switching, 2023,
https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/konzentration-aufmerksamkeit-handy-konzentrationsfaehigkeit/ - Speakwise, Aufmerksamkeitsspanne Statistiken, 2026,
https://speakwiseapp.com/de/blog/aufmerksamkeitsspanne-statistiken - Heise Online, Kürzere Aufmerksamkeit: Wissenschaftler empfehlen Papier statt Smartphone, 2023,
https://www.heise.de/news/Kuerzere-Aufmerksamkeit-Wissenschaftler-empfehlen-Papier-statt-Smartphone-7533958.html - itb-academic-tests.org, Geht die kognitive Leistung der Studierenden zurück, 2026,
https://itb-academic-tests.org/2025/04/02/geht-die-kognitive-leistung-der-studierenden-zurueck/ - DIW Berlin, Kognitive Fähigkeiten können durch regelmäßige Anwendung im Alter erhalten bleiben, Wochenbericht 20/2025,
https://www.diw.de/de/diw_01.c.952826.de/publikationen/wochenberichte/2025_20_3/kognitive_faehigkeiten_koennen_durch_regelmaessige_anwendung_im_alter_erhalten_bleiben.html
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