Compliance im Bau: Die Risiken entstehen vor dem Zuschlag
24.09.2026
Die größten Compliance-Risiken im Bau entstehen nicht auf der Baustelle. Sie entstehen in der Offertphase. Das sagt Patrick Krauskopf, Professor und Compliance-Experte, im Interview mit der Schweizer Bauwirtschaft.
Ein Kalkulator kann durch ein unbedachtes Gespräch mit einem Konkurrenten ein Kartellrechtsrisiko auslösen. Ein Bauführer durch unvollständige Regierapporte. Und eine Geschäftsleitung, die nur Umsatz zählt, macht Compliance zum Hindernis. Das Problem: Viele Unternehmen behandeln Compliance als administrativen Prozess vor Inspektionen. Dabei ist es Führungsverantwortung.
Das Risiko beginnt bei der Entscheidung, wer offeriert
Kontakte mit Wettbewerbern über Preise, Zuschläge, Gebiete, Kunden, Kapazitäten oder künftiges Angebotsverhalten sind kartellrechtlich heikel. Krauskopf nennt konkrete Beispiele: Gespräche darüber, wer offeriert, welcher Preis vernünftig sei, wer an der Reihe sei oder ob jemand eine Schutzofferte einreichen solle, können als Submissionsabreden qualifiziert werden.

Dass dies kein theoretisches Risiko ist, zeigen frühere WEKO-Verfahren im Bau. Die Offertphase ist die Phase mit dem größten kartellrechtlichen Risiko. Ein strukturierter Offertprozess mit nachvollziehbarer Dokumentation ist der wichtigste Kontrollmechanismus.
ARGE sind legitim, wenn sie objektiv notwendig sind
Arbeitsgemeinschaften im Bau sind grundsätzlich legitim und oft wettbewerbsfördernd, wenn sie objektiv notwendig oder wirtschaftlich sinnvoll sind. Problematisch werden sie aber, wenn sie als Deckmantel dienen, um Konkurrenzdruck zu reduzieren, Preise zu koordinieren oder strategische Informationen zu erhalten.
In der Ausführung verlagert sich das Risiko auf korrekte Leistungserfassung, Regie- und Nachtragsmanagement, Arbeitssicherheit, Entsorgung, Arbeitszeit, Lohn- und LMV-Konformität sowie den Umgang mit Temporär- und Subunternehmerpersonal. Compliance betrifft praktisch alle Mitarbeitenden, nicht nur die Geschäftsleitung.
Wirksame Compliance ist risikobasiert, nicht größenbasiert
Compliance ist keine Frage der Unternehmensgröße, sondern der Führungshaltung. Ein kleines Unternehmen, das regelmäßig an öffentlichen Submissionen teilnimmt, viele ARGE bildet oder mit komplexen Subunternehmerketten arbeitet, hat ein anderes Risikoprofil als ein großer Betrieb mit stabilen Privatkunden.
Krauskopf macht klar: Massgebend sind Geschäftsmodell, Marktumfeld, Projekte und Schnittstellen, nicht allein die Unternehmensgrösse. Eine Risikoanalyse ist unverzichtbar, weil Compliance ohne Risikoverständnis blind bleibt. Tiefbau, Hochbau, Spezialtiefbau, Strassenbau, Rückbau, Kies, Beton, Deponie, Generalunternehmung – jedes Modell hat andere Risiken.
Drei Hebel, um Compliance pragmatisch zu stärken
Der erste Hebel ist Führung. Mitarbeitende beobachten sehr genau, was wirklich zählt. Wenn nur Umsatz, Auslastung und Zuschlag zählen, wird Compliance als Hindernis wahrgenommen. Wenn die Geschäftsleitung klar sagt, dass regelkonformes Verhalten nicht verhandelbar ist, verändert sich das Verhalten.
Der zweite Hebel ist ein sauberer Offertprozess. Die größten kartellrechtlichen Risiken entstehen vor dem Zuschlag. Jede relevante Offerte sollte nachvollziehbar dokumentiert werden. Dokumentation ist Risikoprävention.
Der dritte Hebel ist Schulung mit Eskalation. Mitarbeitende müssen konkrete Gesprächssituationen und Baustellenbeispiele kennen. Sie müssen rote Linien kennen. Und sie müssen wissen, wen sie in einer kritischen Minute anrufen können.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Compliance ist machbar, auch für KMU. Krauskopf sagt: Viele Massnahmen sind rasch umsetzbar. Gerade KMU können mit wenigen, konsequent gelebten Instrumenten viel erreichen. Wirksame Compliance ist risikobasiert und verhältnismässig.
In einem Monat lassen sich substanzielle Compliance-Fortschritte erzielen, wenn die Geschäftsleitung es ernst meint. Die Frage ist nicht, ob ein Unternehmen groß genug ist für Compliance. Die Frage ist, ob es sich leisten kann, ohne zu arbeiten.
Setzen Sie als ersten Schritt eine klare Kontaktregel für Wettbewerber. Definieren Sie, wer in Ihrem Unternehmen wann mit wem sprechen darf. Und dokumentieren Sie jeden relevanten Kontakt. Das ist in einer Woche machbar, ohne Budget und ohne Beschluss.
Quellen
- Patrick Krauskopf, Interview in Schweizer Bauwirtschaft, 2026,
https://schweizer-bauwirtschaft.ch/viele-massnahmen-sind-rasch-umsetzbar/ - Goma-IT, KI-Compliance-Prüfungen Bauunternehmen, 2026,
https://goma-it.at/ki-compliance-pruefungen-bauunternehmen/ - Zertifizierung Bau, ISO 37301 Compliance-Managementsysteme, 2026,
https://www.zert-bau.de/zertifizierungen/iso-37301-compliance-managementsysteme/ - Bizzmine, QHSE-Software für die Bauindustrie, 2026,
https://www.bizzmine.com/de/branchen/bauwirtschaft/
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