Lehrkräfte unterschätzen Mädchen in Technik und Informatik
12.09.2026
36 Prozent der MINT-Studienanfänger sind weiblich – Rekordwert. Doch nur 16,4 Prozent aller MINT-Beschäftigten sind Frauen. Was geschieht zwischen Studienbeginn und Berufseinstieg?
Die Erwartungshaltung entscheidet, nicht die Fähigkeit
Das DIPF hat 2025 eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht. Lehrkräfte und Lehramtsstudierende schreiben Jungen in den MINT-Fächern durchweg höhere Kompetenzen zu als Mädchen. Besonders stark fallen die Unterschiede in Technik und Informatik aus – deutlich stärker als in Mathematik oder Naturwissenschaften. Bei Lehramtsstudierenden sind diese Stereotype sogar noch ausgeprägter als bei erfahrenen Lehrkräften.

Die Forschung zeigt: Es sind nicht die Fähigkeiten. In 24 Ländern der PISA-Studie 2022 gibt es in Mathematik keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Wo Unterschiede auftreten, liegen sie im einstelligen Punktebereich.
Das Selbstbild wird früh geprägt
Mädchen schätzen ihre Leistungen in MINT-Fächern signifikant schlechter ein als Jungen – auch wenn die objektiven Ergebnisse vergleichbar sind. Sie sprechen häufiger von Mathematik-Angst. Sie erleben seltener Ermutigung. Und sie ziehen sich zurück, wenn das soziale Selbstbild mit dem Informatik-Interesse in Konflikt gerät.

An meiner Hochschule studieren über 70 Prozent Frauen im Studiengang Digitale Medien. Wir sehen täglich, dass technische Kompetenz kein Geschlecht kennt. Was wir ebenfalls sehen: Wie früh die Weichen gestellt werden. In der Grundschule. Im Sachkundeunterricht. Durch Lehrkräfte, die – oft unbewusst – andere Erwartungen an Mädchen und Jungen richten.
Ich habe das ausführlicher in Frauen in technischen Berufen beschrieben: Wie historische Unsichtbarkeit und heutige Praxis zusammenhängen und was sich an Hochschulen bereits verändert.
Die Lösung liegt in der Lehramtsausbildung
Geschlechtsspezifische Stereotype müssen thematisiert werden. Unterrichtsmaterialien brauchen mehr Bilder und Beispiele mit Mädchen und Frauen in MINT-Kontexten. Und es braucht Lehrkräfte, die Mädchen in Technik und Informatik dasselbe Potenzial zusprechen wie Jungen – nicht nur in Worten, sondern in ihrer Haltung.
Was spricht gegen diese These? Die Sorge, dass Quoten und Fördermaßnahmen zu einer Qualitätsminderung führen könnten. Diese Sorge ist unbegründet. Studien zeigen: Frauen, die an TU9-Universitäten MINT-Fächer beginnen, haben durchschnittlich bessere Abiturnoten als ihre männlichen Kommilitonen.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Der Fachkräftemangel in technischen Berufen ist real. Wer Mädchen und junge Frauen frühzeitig verliert, verschärft ihn. Unternehmen können gegensteuern: durch Praktika, die gezielt Schülerinnen ansprechen. Durch Mentorinnen-Programme. Durch eine Arbeitskultur, die nicht voraussetzt, dass technische Kompetenz männlich codiert ist.
Die Frage ist nicht, ob Frauen technische Berufe können. Die Frage ist, warum wir ihnen so lange eingeredet haben, dass sie es nicht können.
Quellen
- DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung, Studie zu MINT-Stereotypen bei Lehrkräften, 2025,
https://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/pressemitteilungen/mint-stereotype-lehrkraefte-rechnen-bei-maedchen-vor-allem-in-technik-und-informatik-mit-geringeren-kompetenzen - Statistisches Bundesamt, MINT-Studienanfängerinnen 2024, 2026,
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_N006_213.html - Institut der deutschen Wirtschaft, MINT-Frühjahrsreport 2025, 2025
- PISA-Studie 2022, TUM School of Social Sciences and Technology, 2023
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