UMSETZEN LERNEN MIT PROF. DR. GERALD LEMBKE

Kompetenz-Radar

Praxis-know-how für digitale Medienprojekte in Unternehmen

← Alle Ausgaben im Archiv

67 Prozent verändern sich noch im mittleren Alter

26.08.2026

Ab dreißig ist die Persönlichkeit in Beton gegossen – diese Annahme höre ich immer wieder. Die Forschung zeigt das Gegenteil.

Die Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters hat 323 Personen zwischen 42 und 46 Jahren über zwölf Jahre begleitet. Das Ergebnis laut Lehmann et al.: Bei 67 Prozent veränderte sich mindestens eine Persönlichkeitsdimension messbar. Nicht an der Oberfläche, sondern in den Big Five, dem wissenschaftlichen Goldstandard der Persönlichkeitsforschung.

Die Big Five sind stabil, aber nicht starr

Die Big Five beschreiben fünf Hauptdimensionen: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Sie wurden in über 3.000 Studien belegt und gelten in mehr als 50 Kulturen als valide. Die Stabilität über ein Jahr liegt bei einem Korrelationswert zwischen 0,70 und 0,90.

Zwei Drittel verändern ihre Persönlichkeit im mittleren Alter
Abbildung 1: Zwei Drittel verändern ihre Persönlichkeit im mittleren Alter – Quelle: Lehmann et al., Persönlichkeitsentwicklung im mittleren Erwachsenenalter, 2010. n = 323 Personen

Im jungen Erwachsenenalter reifen viele vom impulsiven zum resilienten Typ. Ab 30 stabilisiert sich die Persönlichkeit tendenziell. Doch selbst im hohen Alter ab 70 verändert sich laut Jule Specht von der Freien Universität Berlin noch ein Viertel der Menschen messbar.

Persönlichkeitsentwicklung wird zur Top-HR-Funktion

Die Wirtschaft reagiert. Im Trend-Barometer: People Management 2035 von PwC und Universität St. Gallen geben 98 Prozent der 256 befragten HR-Experten an, dass Mitarbeitendenqualifizierung und Kompetenzmanagement bis 2035 die wichtigste HR-Funktion werden. Persönlichkeitsentwicklung zählt dabei zu den drei meistgenannten Qualifizierungsthemen.

Persönlichkeitsentwicklung wird zum Wettbewerbsfaktor
Abbildung 2: Persönlichkeitsentwicklung wird zum Wettbewerbsfaktor – Quelle: PwC und Universität St. Gallen, LinkedIn, Lehmann et al., Verschiedene Quellen, 2010-2025. Verschiedene Studien

Soft Skills wie strategisches Denken, Empathie und Kommunikation rücken in den Fokus. Eine LinkedIn-Analyse zeigt, dass 92 Prozent der Personaler Soft Skills mindestens genauso wichtig einstufen wie Fachwissen. Teamfähigkeit wurde 2024 in 41 Prozent aller deutschen Stellenanzeigen genannt, Kommunikationsfähigkeit in 37 Prozent.

Gene setzen Grenzen, Umwelt formt

Was mich an der Debatte stört: Wir reden über Persönlichkeitsentwicklung, als sei sie ein Wellness-Thema. Sie ist ein messbarer Wettbewerbsfaktor. Wer seine Gewissenhaftigkeit steigert, seine emotionale Stabilität verbessert oder seine Offenheit trainiert, verändert nicht nur sich selbst, sondern seine berufliche Wirksamkeit.

Dennoch bleibt Vorsicht geboten. Die Heritabilität der Big Five liegt je nach Merkmal zwischen 40 und 60 Prozent. Gene setzen also Grenzen. Und nicht jede Veränderung ist von Dauer. Coaching und Training können Impulse geben, doch ohne Veränderung der sozialen Umwelt und ohne bewusste Wiederholung verpuffen die Effekte.

Was das für den Mittelstand bedeutet

Persönlichkeitsentwicklung ist kein nettes Extra mehr, sondern Teil der Zukunftsfähigkeit. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen, strategisches Denken oder Empathie zu trainieren, investieren in messbare Kompetenz. Die Frage ist nicht, ob Menschen sich verändern können. Die Frage ist, ob wir die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Veränderung auch beruflich wirksam wird.

Quellen

  • Lehmann et al., Persönlichkeitsentwicklung im mittleren Erwachsenenalter, Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 2010
  • PwC und Universität St. Gallen, Trend-Barometer: People Management 2035, 2025

Der Kompetenz-Radar-Newsletter erscheint im Steinbeis Transferzentrum Digitale Medien und Kommunikation. Alle Ausgaben · Zum Kompetenz-Radar · Projektbedarf melden

Auf dem Laufenden bleiben zum Kompetenz-Radar

Diese Ausgabe direkt weiterempfehlen? Neue Ausgaben gibt es unregelmäßig per Mail – ohne Werbung von Dritten, jederzeit mit einem Klick abbestellbar.

Pflichtfelder mit *.