Arbeiten die Deutschen zu wenig – oder falsch?
29.08.2026
Arbeiten die Deutschen zu wenig – oder ist das Problem ein ganz anderes?
Friedrich Merz hat die Debatte angestoßen. Die Deutschen müssten mehr arbeiten. Doch Simon Jäger, Professor für Volkswirtschaftslehre in Princeton und einer der renommiertesten Arbeitsmarktforscher Deutschlands, widerspricht dieser Diagnose im Podcast "Ronzheimer". Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 80 Prozent der Deutschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten – das ist oberer Durchschnitt in der OECD. Wer Vollzeit arbeitet, liegt bei 39,6 Stunden pro Woche, OECD-Durchschnitt sind 40. Kein Faulheitsproblem, sagt Jäger. Das Problem liegt woanders.
Der Staat setzt die Anreize falsch
40 Prozent der Arbeitenden in Deutschland arbeiten Teilzeit. Das ist historisch und international extrem hoch. Der Grund: Der Staat setzt Fehlanreize. Ehegattensplitting und Minijobs machen es unattraktiv, mehr zu arbeiten – insbesondere für Zweitverdiener, meist Frauen. Durch das Ehegattensplitting wird das gemeinsame Einkommen gepoolt, der Zweitverdiener zahlt dadurch deutlich höhere Steuern. Schweden hat dieses System vor 50 Jahren abgeschafft. Deutschland ist inzwischen ein Ausnahmefall. Minijobs sind steuerfrei – und genau das macht sie zur Falle: Wer darüber hinaus arbeitet, für den bleibt netto kaum noch etwas übrig.

Das deckt sich mit dem, was ich in Projekten sehe: Organisationen diskutieren über Fachkräftemangel, ohne die strukturellen Bremsen zu benennen. Technologie ist kein Jobkiller – sie könnte Freiräume schaffen. Aber solange der Staat die falschen Signale setzt, bleibt das Potenzial ungenutzt.
Junge Akademiker finden schwerer einen Job
Die Arbeitslosenquote bei jungen Menschen unter 25 ist von 5,3 auf 5,7 Prozent gestiegen. Bei Akademikern von 3 auf 3,3 Prozent – erstmals seit 20 Jahren über 3 Prozent. Nicht dramatisch, aber der Trend zeigt in die falsche Richtung. Warum? Wir haben seit sieben Jahren Dauerkrise. Die Wirtschaft wächst nicht. Unternehmen expandieren nicht, sie konsolidieren. Und Deutschlands Arbeitsmarktinstitutionen – Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld – bewahren das Bestehende. Das macht bestehende Jobs sicher, aber Neueinsteiger haben es schwer. Wer drin ist, bleibt drin. Wer draußen ist, kommt nicht rein.

Jäger nennt ein Beispiel: Wer in Kurzarbeit ist, kann nicht gleichzeitig dem neuen Startup zur Verfügung stehen, das Batterien entwickelt. Deutschland subventioniert bis zu zwei Jahre lang Nichtstun – und legt damit Arbeitskräften einen Gips an, der zu Muskelschwund führt.
KI ist kein Jobkiller – wenn wir es richtig machen
32 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nutzen KI am Arbeitsplatz. Aber bisher sehen wir nicht, dass dadurch weniger Leute eingestellt werden. Jäger verweist auf Bankautomaten: Als sie in den 80ern eingeführt wurden, befürchtete man das Ende der Schalterangestellten. Tatsächlich stieg deren Zahl – weil sich die Tätigkeit veränderte, weg vom Geldein- und -auszahlen, hin zur Beratung. Ähnlich bei Radiologen: KI liest einfache Röntgenbilder besser als Menschen. Aber Radiologen machen mehr als Bilder lesen – sie bilden aus, beraten, kommunizieren. Die Nachfrage nach ihnen ist gestiegen.

KI ersetzt Routinetätigkeiten, nicht ganze Berufe. Entscheidend ist, ob komplexe oder einfache Tätigkeiten automatisiert werden. Taxifahrer vor Google Maps mussten das Straßennetz Berlins im Kopf haben. Heute ist diese Expertise entwertet. Radiologen dagegen werden wichtiger, weil ihre Expertise komplementär zur KI ist.
Neue Technologien sind ein Jobmotor, kein Jobkiller. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust liegt nicht in der Technik. Sie liegt in fehlenden Anreizen, in starren Institutionen und in einer Politik, die das Bestehende konserviert statt das Neue zu ermöglichen.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Mittelständische Unternehmen stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie finden keine Leute, weil der Staat Teilzeit attraktiver macht als Vollzeit. Und sie finden keine jungen Leute, weil Deutschlands Arbeitsmarkt das Bestehende schützt und Wechsel bestraft. Wer heute Fachkräfte braucht, muss sie aus bestehenden Verhältnissen abwerben – aber die sitzen fest.
Jäger schlägt eine Flexibilitätsprämie vor: Wer zu einem neuen Arbeitgeber wechselt und bereit ist, auf bestimmte Schutzrechte zu verzichten, handelt eine Prämie aus. Das belohnt Mut und schafft Dynamik. Nicht im Niedriglohnsektor, sondern ab 80.000 Euro aufwärts – dort, wo Menschen diese Abwägung aus abgesicherten Verhältnissen treffen können.
Das Reformpaket der Bundesregierung geht in Teilen in die richtige Richtung – etwa bei der steuerlichen Neuregelung von Abfindungen. Aber es fehlt die Vision. Wo wollen wir in 20 Jahren stehen? Deutschland braucht keine Befristungen für alle, sondern eine Kommission, die strategisch denkt: Wie ermöglichen wir Wechsel? Wie belohnen wir Mut? Wie befähigen wir Menschen, neue Dinge zu lernen?
Wir haben eine hochqualifizierte Arbeitnehmerschaft. Wir haben ein starkes Ausbildungssystem. Aber wir haben Institutionen, die für eine andere Zeit gebaut wurden. KI, demografischer Wandel und geopolitische Verwerfungen erfordern Dynamik – keine Gipse.
Quellen
- RONZHEIMER.: Warum Deutschlands Jobs wirklich in Gefahr sind. Mit Simon Jäger,
https://podcasts.apple.com/de/podcast/ronzheimer/id1700432142?i=1000786388379
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