UMSETZEN LERNEN MIT PROF. DR. GERALD LEMBKE

Kompetenz-Radar

Praxis-know-how für digitale Medienprojekte in Unternehmen

← Alle Ausgaben im Archiv

40 % arbeiten Teilzeit – weil der Staat falsch anreizt

28.08.2026

Im zweiten Quartal 2025 überschritt die Teilzeitquote in Deutschland erstmals die 40-Prozent-Marke – ein historischer Rekord.

Zugleich liegt die Beschäftigungsquote mit knapp 78 Prozent im internationalen Vergleich sehr hoch. Das klingt widersprüchlich. Ist es aber nicht. Deutschland hat kein Faulheitsproblem, sondern ein Teilzeitproblem. Die Ursache liegt nicht bei den Menschen, sondern bei falschen Anreizen im Steuer- und Sozialversicherungssystem.

Von 7,6 Millionen Ehefrauen sind 6 Millionen Zweitverdienerinnen

Von 7,6 Millionen Ehefrauen im Alter von 25 bis 60 Jahren haben rund 6 Millionen ein geringeres Einkommen als ihr Partner und sind demnach Zweitverdienerinnen, so eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Für sie setzt das Steuer- und Sozialversicherungssystem in Deutschland falsche Anreize.

Akademiker-Arbeitslosigkeit steigt das dritte Jahr in Folge
Abbildung 1: Akademiker-Arbeitslosigkeit steigt das dritte Jahr in Folge – Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Online-Bericht Akademiker/-innen Arbeitslosigkeit, 2025. Hochschulabsolventen in Deutschland

Das Ehegattensplitting macht aus dem Zweitverdiener – meist Frauen – einen Hochbesteuerten. Wer 10 Stunden mehr arbeitet, behält netto oft kaum mehr übrig. Minijobs sind steuerfrei, jede Stunde darüber hinaus wird überproportional belastet. Das Ergebnis: viele arbeiten, aber nicht genug. Produktivität sinkt. Wachstum bleibt aus.

Akademiker-Arbeitslosigkeit verdoppelt sich bei den unter 30-Jährigen

Gleichzeitig verschärft sich die Lage für junge Akademiker. Die Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen ist laut Bundesagentur für Arbeit 2025 das dritte Jahr in Folge gestiegen, von 2,2 Prozent in 2022 auf 3,3 Prozent in 2025. Die Zahl der unter 30-Jährigen mit Uni-Abschluss ohne Job hat sich seit 2022 nahezu verdoppelt.

Deutschlands Arbeitsmarkt in Zahlen
Abbildung 2: Deutschlands Arbeitsmarkt in Zahlen – Quelle: IAB, Bertelsmann Stiftung, OECD, WZB, Verschiedene Studien, 2025/2026. Deutschland

Warum? Weil deutsche Institutionen das Bestehende schützen: Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld. Das stabilisiert Arbeitsplätze, versperrt aber Neueinsteigern den Zugang. Wer drin ist, bleibt. Wer draußen ist, wartet.

Deutschland schrumpft dreimal so stark wie der OECD-Durchschnitt

Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpft hierzulande laut OECD-Prognosen bis 2060 um 22 Prozent. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 8 Prozent. Das ist nicht in 30 Jahren, das beginnt jetzt. Jährlich gehen mehr Babyboomer in Rente, als Junge nachkommen.

Das setzt die Renten unter Druck, das Gesundheitssystem, die Pflegeversicherung – und unsere Wettbewerbsfähigkeit.

KI ersetzt Routinetätigkeiten, nicht Expertise

Künstliche Intelligenz könnte entlasten. Deutschland liegt mit 32 Prozent KI-Nutzung am Arbeitsplatz Anfang 2026 laut WZB im europäischen Mittelfeld. KI ersetzt Routinetätigkeiten, nicht Expertise. Wer tief qualifiziert ist, wird gebraucht. Wer nur Einstiegstätigkeiten beherrscht, konkurriert mit Algorithmen.

Deshalb ist Bildung die beste Versicherung – nicht gegen Veränderung, sondern für Veränderung. Wie ich in Künstliche Intelligenz! Macht KI doof? beschrieben habe, züchten wir eine Elite heran, die neuronale Netze optimiert, aber scheitert, sobald die Lösung aus mehr als Code besteht.

Was das für den Mittelstand bedeutet

Was fehlt, ist die Vision. Nicht mehr Reförmchen, sondern eine Arbeitsmarktkommission, die strategisch denkt. Ehegattensplitting reformieren. Kinderbetreuung ausbauen. Einstiegshürden für Junge senken.

Der Mittelstand braucht Menschen, die mehr arbeiten können und wollen – und junge Talente, die eine Chance bekommen. Beides blockiert das System. Wer das nicht ändert, verliert beides.

Quellen

Der Kompetenz-Radar-Newsletter erscheint im Steinbeis Transferzentrum Digitale Medien und Kommunikation. Alle Ausgaben · Zum Kompetenz-Radar · Projektbedarf melden

Auf dem Laufenden bleiben zum Kompetenz-Radar

Diese Ausgabe direkt weiterempfehlen? Neue Ausgaben gibt es unregelmäßig per Mail – ohne Werbung von Dritten, jederzeit mit einem Klick abbestellbar.

Pflichtfelder mit *.